Horrmanns Gourmetspitzen

Kempinski Grill Berlin - Solide Ess-Klasse

Gedeckter Tisch - Kempinski Grill Restaurant

Die Lust am Genießen lässt sich nicht auf bestimmte Tage konzentrieren oder abstellen. Das gilt leider auch für den traurigen Montag, an dem die Berliner Edelgastronomie durch die Bank geschlossen hat. Da war es für mich ein Glück, dass es den Kempinski Grill gibt, dieses Restaurant ohne Ruhetag. Der Grill, der in den 50er und 60er Jahren als eines der wenigen Aushängeschilder der Berliner Edelgastronomie galt und mit einem Stern ausgezeichnet war, geriet in der Folgezeit mit dem ungeahnten Höhenflug der Hauptstadt-Gourmandise eher in Vergessenheit. Diese Institution am Kurfürstendamm, 1952 gegründet, behielt trotz etlicher Renovierungen die klassische Eleganz von damals erhalten. Das ist zumindest ein Teil des unverwechselbaren Charmes des Restaurants. Für jüngere Gäste, die sich in einem Hip-Restaurant wohler fühlen, mag der Grill allerdings zu konservativ sein.

Wenn wir uns der Küche zuwenden, ist auch hier Tradition ganz gewiss ehrenvoll, aber leider aromafrei und überhaupt nicht geschmacksverstärkend. Dennoch war ich mit allem, was auf den Tisch kam, durch die Bank zufrieden. Die Küchenqualität hat sich erkennbar stabilisiert. Das mag auch an der kleinen, aber gut zusammen gestellten Menükarte liegen, die nicht mit überzogener Vielfalt die Köche in Verlegenheit bringt. Für das Amuse Bouche gab es in meinem Kopf sogar einen Stern. Es kam nicht die übliche Jakobsmuschel, das Stücken Wachtelbrust oder ähnliches, sondern in einer Miniterrine eine Wild-Essenz unter der Blätterteighaube, die Art wie einst Paul Bocuse seine Trüffelsuppe präsentierte. Kaum weniger appetitlich ging es dann mit den Vorspeisen weiter.

Kempinski Grill Restaurant - Küchenchef Frank Hokamp und Maître Dirk Hoffmann

Die Sülze vom Kaninchen mit Chili und Frischkäse war geschmacklich frisch auf einem Tomaten-Pesto Mosaik angerichtet. Auch das Törtchen vom Lachs mit einer Spur vom Gurken-Apfelsalat mit Maracujasauce parfümiert war einwandfrei und als das absolute Spitzenprodukt erwies sich das Mille Feuille von Waldpilzen und einer guten Portion gefüllter Taubenbrust (leicht geräuchert) mit einem Zwetschgen-Birnen Chutney. 


Bei den Fischgerichten überzeugt das Filet vom Steinbutt, das unter einer Kürbis-Kartoffelkruste richtig saftig blieb und mit Rote Beete-Sauce angereichert war, während ich nicht so viel von verfremdeten Produkten wie beispielsweise der Bratwurst mit Farce von Garnelen und Lachs halte. Einfach in der Zubereitung, aber vom Wareneinsatz und den Garzeiten durchaus akzeptabel, kam das Fleisch vom Grill oder aus der Pfanne. Durch die offene Küche kann der Gast die Zubereitung seiner Speisen miterleben. Allerdings kommen der Küchenchef und sein Team auch ins Restaurant, um für ein einst so beliebtes klassisches Essenserlebnis zu sorgen. Es wird immer noch kräftig am Tisch flambiert, ein längst überholtes, weil geschmacksneutrales Theater. Auch die Berliner Klassiker sind allgegenwärtig, was nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Die gegrillte Kalbsleber „Berliner Art“ mit Calvados-Apfelspalten oder der flambierte Zitronengrasspieß vom Kalbsfilet mit Dijonsenf-Pfeffersauce im Geschmack herzhaft verstärkt, sind immer noch Renner. Ebenso die geschmorte Müritz-Lammkeule vom Wagen, der frei-tags und samstags in den Gästeraum geschoben wird. Ausdrücklich erwähnen möchte ich die gelungenen Saucen mit einem geglückten Zusammenspiel der Aromen. Das gilt gleichermaßen für Beurre Blanc zum Fisch wie für die konzentrierten Reduktionen beim Fleisch. 


Während ich bei früheren Besuchen die Küchenqualität nicht als stabil empfunden habe, gab es bei meinem aktuellen Besuch wenig zu kritisieren. Auch das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Der Gast hat die Möglichkeit aus der kompletten Karte ein Vier-Gang-Menü zusammenzustellen und zahlt dafür, unabhängig vom Einzelpreis 75 Euro. Verständlich, dass der Impérial Kaviar davon ausgenommen ist... 


Im Preis eingeschlossen ist aber der süße Abschluss wie Crème Caramel mit Calvados-Apfelragout oder Crêpes Suzet-tes, die werden wieder am Tisch flambiert.

 

Die Weinkarte überzeugt durch die Vielfalt des Angebotes, obwohl absolute Spitzenlagen fehlen. Unser Mersault Charme kam perfekt gekühlt, überhaupt war ich sehr zufrieden mit dem sehr gästeorientierten Service, der ohne Show als Selbstzweck auskam, aber immer zur Stelle war, wenn man ihn brauchte. 

 

Nach dem das Restaurant Kempinski Eck und der Frühstücksservice im Hotel ausgelagert wurden und von der Restaurantkette Reinhardts sehr ordentlich durchgeführt werden, bleibt der neu gestaltete Grill das einzige hauseigene Aushängeschild im F&B-Bereich (Essen und Trinken). Warum der Grill in den Restaurant-Guides heutzutage nicht einmal erwähnt ist, bleibt mir unverständlich. Für mich ist das gewiss kein Sterne-Restaurant, aber doch eine sehr ordentliche Empfehlung. 

 

Restaurant Kempinski Grill
Kurfürstendamm 27, Berlin
Telefon 030/884 34 767
Täglich geöffnet von 12 bis 1 Uhr
www.kempinskiberlin.de/de/gastronomy/kempinski_grill.php

 

Erstveröffentlichung am 29. Dezembert 2012 in der "Berliner Morgenpost"