Gourmetspitzen von Heinz Horrmann

Sudaka - Großer Genuss im bescheidenen Ambiente

Für den ersten Eindruck gibt es manchmal doch eine zweite Chance… Das „Sudaka“ wirkte beim ersten Blick auf mich wie eine heruntergekommene Hafenkneipe. Asphalt-Fußboden wie Straßenbelag, schmucklose unverputzte Wände, keine Tischdecken, keine Tischsets. Und das Besteck steckt unappetitlich in knallbunten Plastiktaschen. Schlimm. Doch der Service knipste bereits das erste Licht an. Liebenswert wechselte der Kellner meinen Platz, weg von der lauten südamerikanischen Musik in eine ruhige Ecke. Kompetent und exzellent über die Speisen im Bilde, beriet er unermüdlich die Gäste und der Service war fortan bis zum Abschied mustergültig.

Sudaka Berlin

Gleich das erste, was auf den Tisch kam, macht mir Freude: hauchdünne Chips von Banane, Süßkartoffeln und Mango frittiert und mit einer scharfen Sauce auf Stauden-Sellerie–Basis kombiniert, das war ein wahrlich appetitlicher Einstieg.

Weiter ging‘s mit argentinischen Spezialitäten. Moment, argentinische Küche? Richtig, die ist gewiss keine der bedeutenden kulinarischen Welt-Richtungen mit typischen, wegweisenden Elementen. Vieles ist simpel, naturbelassen, aber lecker, einiges aus der italienischen Cuisina importiert. Die Variationen der Pasta beispielsweise, die aber länger gekocht und damit wesentlich weicher als in Bella Italia sind, das argentinische Extrem ist das Ein-Nudel-Gericht, bestehend aus einer riesigen Panzoti (und einmal mehr mit einer scharfen Sauce). Der beste Start in ein Menü ist ein knackiger Salat. Ich wählte den Klassiker aus Buenos Aires, den „Ensalada del Rio de la Plata“. Gewiss ist da keine große Kochkunst gefragt, aber das Zusammenspiel von Rote Beete, Palmenherzen, grünen Bohnen, Tomaten, roten Zwiebeln und ein ausnahmsweise mal mildes Dressing, das passte zusammen.

Wer in ein argentinisches Restaurant geht, kommt um Empanadas als Zwischengang nicht herum. Die kreisrunden Teigtaschen kann man mit Mozzarella, Tomaten und Basilikum, mit Hähnchenburst und Oliven oder gereiftem Käse und karamellisierten Zwiebeln bestellen. Ich wählte eine Füllung mit Mais und argentinischer Bechamel-Sauce. Alles wurde ohne Wartezeit serviert, der Laden lief einfach gut, auch ohne dass der große Macher Chakall (bürgerlicher Name Eduardo Andres Lopez) im Haus war. Chakall ist durch das Fernsehen bekannt geworden. In verschiedenen Kochformaten und seiner eigenen Paradeshow „Chakall kocht“ erreichte er große Popularität, weil er statt Kochmütze stets einen Turban trägt. Er hat im Sudaka die Speisekarte zusammengestellt und die besondere Würze sowie die Präsentation der Gerichte vorgegeben. Für die Abteilung Parrilla, den Spezialitäten, die auf dem Grill gegart werden, ist das kaum nötig, das ist in Argentinien Volksgut. Nie zuvor habe ich Spareribs vom Kalb gegessen. Es war ein einmaliger Genuss. Die Röstaromen vom Knochen würzen das zarte Fleisch, auch das argentinische Entrecôte mit drei unterschiedlich scharfen Saucen war großartig und am Nebentisch hatte ein Doktorenzirkel den gegrillten Tafelspitz mit Reis und schwarzen Bohnen bestellt, auch die Gäste zeigten sich begeistert und Tafelspitz vom Grill mit der Sogenannten Chimichurri-Sauce (mit ordentlicher Chili-Schärfe) ist in Europa auch kein gängiges Gericht.

Fleischeslust steht im Mittelpunkt, ist aber längst nicht alles. Es gibt sehr ordentliche Fischgerichte und da nimmt Chakall Anleihe beim Nachbarn Peru. Eine ganze Seite Ceviches (kommt aus der Inka-Sprache und bedeutet frischer Fisch) dominiert die Speisekarte. Beim Ceviche Amazonico wird der marktfrische Weißfisch roh auf einer Schiefertafel mit hauchdünnen Zwiebeln, Chili, Mango und gewürzt mit Limetten und Koriander serviert. Eine bunte Aromabombe für alle Sinne. Neben dem Weißfisch stehen die blanchierten Garnelen, roher Thunfisch und ein Mix aus marinierten Meeresfrüchten im Mittelpunkt.

Auch bei kleinen Portionen ist die Lust am Genießen irgendwann einmal gestillt, so probierte ich nur noch winzige Häppchen der hausgemachten argentinischen Wurst (eine Schwein-Kalb-Mischung) und noch schärfer als die spanische Chorizo, eine Kleinigkeit mit vom gegrillten Oktopus mit Chili-Sauce und ein paar Löffel vom ungewöhnlichsten Eintopf meines Lebens: einer Kombination von schwarzen Bohnen, Zucchini, Champignons und Kürbis, da wurde wieder kräftig Koriander verarbeitet. Chakall nennt die Suppe „fürs Volk gemacht“.

Beim Dessert stehen Variationen vom Flan, ein mit polynesischer Vanille aromatisierter Eierpudding mit dunkler Karamellsauce auf der Favoritenliste. Vom Flan gibt es Geschmacksrichtungen ohne Ende, so mit Kokosmilch und Pflaumen oder karamellisierten Walnüssen. Weil die Präsentation schon sehr ausführlich war, wählte ich das Leichteste von der umfassendsten „Postres-Karte“ (Desserts), nämlich das Limettenmousse mit karamellisiertem Ingwer. Auch diese Kleinigkeit ist perfekt gemacht mit feuriger Süße. Für leidenschaftliche Dessert-Freunde lockt die Riesenplatte mit sämtlichen Leckereien im Angebot.

Die Weinkarte ist natürlich mit den Alkoholbomben Südamerikas besetzt (mehr als 14,5 Prozent). Der Cabernet Sauvignon Terrazas Reserva war mir ein angenehmer Begleiter für die feurigen Speisen. Mit 44 Euro ist der fair kalkuliert. Damit sind wir bei der Preisgestaltung. Die Karte ist echt kundenfreundlich kalkuliert, die Vorspeisen liegen zwischen 5 und 11 Euro und selbst das Entrecôte ist mit 17 Euro für eine ordentliche 200 Gramm-Portion sehr günstig. Auch die Desserts liegen unter 10 Euro, so dass ich das Sudaka auch für das kleinere Budget empfehlen kann. Inzwischen hatte ich mich auch mit dem freudlosen Ambiente abgefunden, weil Service und Küche echt Spitze waren. Jetzt verstehen Sie, lieber Leser, warum die zweite Chance im Sudaka ein Treffer wurde.

Restaurant „Sudaka“
Goltzstraße 36, Berlin
Telefon: 030/21913177
Öffnungszeiten:
Sonntag bis Donnerstag 17 bis 23 Uhr
Freitag und Samstag 17 bis 24 Uhr
www.sudaka.de