Horrmanns Hoteltest

Hotel Cipriani, Venedig - Großartiges Hotel mit kleinen Schwächen

Das Hotel
1958 verwirklichte Giuseppe Cipriani auf der Insel Giudecca, nahe dem Zentrum Venedigs seinen Lebenstraum, ein Hotel mit liebenswürdiger Gastfreundschaft und dem besten venezianischen Essen zu bauen und  einzurichten. Beides gelang. Das Hotel, das heute zur Londoner Orient Express Gruppe gehört und Mitglied der Leading Hotels of the World ist, wurde ständig erweitert und aufgefrischt. Allerdings endete die große Zeit der einmaligen Gästepflege mit dem Abschied des langjährigen Chefs Dr. Natale Rusconi. Die Optik ist gewiss nach wie vor im Hotel und im Umfeld begeisternd. Von den meisten Zimmern hat der Gast den herrlichen Blick auf  Kirche von San Giorgio Maggiore und auf die Lagune. Im später angegliederten Palazzo Vendramin (aus dem 15 Jahrhundert) sind heute die Top-Suiten eingerichtet. Vom berühmten Markusplatz erreicht man das Hotel mit dem hauseigenen Boot in fünf Minuten.

Zimmer und Suiten
Die 48 Zimmer und 47 Suiten sind in etlichen Kategorien (mit und ohne Balkon, schöner Ausblick oder Gartenseite etc.) eingeteilt. Die Einrichtung mit viel Dekoration, Lüstern aus Murano-Kristall und schweren Vorhängen sind edel, aber auch alles andere als preiswert.Unter 500 Euro geht nichts. Einige Junior-Suiten, am Pool-Bereich gelegen, haben private Gärten. Alle Wohneinheiten bieten recht edle Marmorbäder und auf Wunsch ist ein Butler-Service verfügbar. 


Essen und Trinken
Mit dem unvergesslichen Blick bevorzuge ich ein Frühstück auf dem Balkon. Für Lunch empfehlen sich das "Poolside Porticciolo"-Restaurant oder die "Fortuny Terrasse". Großartige Rahmen für den abendlichen Genuss bilden der "Cip’s Club" mit Blick auf den Markusplatz und das Restaurant "Fortuny" mit dem Angebot eines romantischen Candlelight- Dinners. So weit das prächtige Ambiente. Lange Zeit war auch das Essen echter Genuss in einem meiner internationalen Lieblingshotels. Heute ist das Hotel leider zur Touristenabzocke verkommen. Zum Lunch finden die Gäste ihr Streifchen Lemonen-Tarte mit 26 Euro auf der Rechnung, ein Mini-Carpaccio auf Untertassengröße oder ein zierliches Fischlein, wie es Angler gerne als Köder verwenden, werden mit jeweils 40 Euro berechnet.


Service
Was für die F&B- Kalkulation gilt, muss ich leider auch für den Service anmerken. Der Gast steht wahrlich nicht mehr im Mittelpunkt, die Kellner wollen vornehmer sein als die zahlenden Kunden und benehmen sich oft affig. Richtig gut arbeitet aber nach wie vor das erstklassige Concierge-Team.

 

Urteil
Eines der historisch bedeutenden Domizile auf dem Kontinent mit herrlichem Standort, großartigem Ambiente und dem durch eine Verwechselung der Maßeinheiten Fuß und Meter größten Hotelpools (600 Quadratmeter) Europas. Der Blick auf die Lagune vermittelt ein Bühnenbild Venedigs. Da tut es mir weh, angesichts Service und Preis-Leistungs-Verhältnis keine Höchstwertung mehr geben zu können. Wegen der angesprochenen Schwächen sind das nur viereinhalb ehrliche Sterne.


Erstveröffentlichung in der "Welt" am 09. Februar 2013